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Neue Ideen für den Kampf gegen Antibiotikaresistenzen

Neue Ideen für den Kampf gegen Antibiotikaresistenzen

Über Krankenhauskeime und Antibiotikaresistenzen wird viel berichtet, aber die Details sind den meisten nicht bekannt. So werden Antibiotika oft falsch angewendet. Das “European Health Parliament” will mit neuen Ideen besser informieren.

Sie liegen mal wieder mit einer hartnäckigen Erkältung im Bett und der Chef wird ungeduldig, wann Sie wieder zur Arbeit kommen? Klar, da ist ein Antibiotikum gefragt, denken viele. Laut einer Studie der DAK von 2014 wünschen sich 76 Prozent der Befragten bei einer Erkältung Antibiotika. Nicht nur, dass bei einer normalen viralen Erkältung Antibiotika nicht helfen, da diese nur gegen Bakterien wirken. Auch die eigene Gesundheit kann durch Antibiotikaresistenzen gefährdet werden. Ein Thinktank aus Brüssel, das “European Health Parliament”, will deshalb den Resistenzen vorbeugen – vor allem durch eine bessere Information der Patienten.

Allein in Deutschland sterben jährlich bis zu 15.000 Menschen an den Folgen von Infektionen mit multiresistenten Keimen. Der Grund dafür, dass die Resistenzen überhaupt entstehen, ist unter anderem der falsche oder unnötige Gebrauch von Antibiotika. Auch bei Ärzten wie Tania Oliveira e Silva aus Brüssel ist das Problem bekannt: Oft seien Patienten nicht darüber aufgeklärt, wie schädlich unnötig eingenommene Antibiotika sind, sagt die Urologin.

Bernd Zimmer, Vizepräsident der Ärztekammer Nordrhein und niedergelassener Allgemeinmediziner in Wuppertal, erlebt vor allem zur Grippezeit, dass Patienten unnötig Antibiotika fordern. “Aber es liegt in der Verantwortung des Arztes, dann nicht nachzugeben”, sagt Zimmer. Denn der sollte wissen, wie genau Antibiotika wirken und wie Resistenzen entstehen:

Wie entstehen Antibiotikaresistenzen?
Antibiotika werden sowohl bei Menschen als auch in der Tiermedizin, vor allem in der Tierzucht, eingesetzt. Die Antibiotika töten Bakterien, die nicht resistent sind, oder hemmen diese in ihrer Vermehrung. Die resistenten Bakterien haben also dadurch eine größere Chance, zu überleben und können gegebenenfalls die Resistenz genetisch weitergeben. So vermehren sich bei Tier und Mensch resistente Bakterien im Körper. Diese können von Mensch zu Mensch und Tier zu Mensch direkt übertragen werden. Auch in tierischen Nahrungsmitteln können die resistenten Bakterien enthalten sein sowie in pflanzlichen Nahrungsmitteln, die zum Beispiel durch Ausscheidungen der Tiere mit resistenten Keimen in Berührung kommen. So verbreiten sich die resistenten Keime immer weiter. Selbst wenn die resistenten Bakterien keine Krankheitserreger sind, können sie gegebenenfalls an Krankheitserreger aber die Resistenz genetisch weitergeben.
Das Problem der Antibiotikaresistenzen ist sowohl auf deutscher als auch auf EU-Ebene bekannt, seit über 15 Jahren gibt es internationale Bemühungen, die Situation zu verbessern. Bisher funktioniere das allerdings an vielen Stellen noch nicht zufriedenstellend, finden die Mitglieder des Thinktanks “European Health Parliament” (EHP). DasEHP besteht unter anderem aus jungen Mitgliedern der EU-Institutionen, Vertretern der Medizin und Studierenden. Gesundheitspolitik ist an sich eigentlich Sache der Mitgliedsstaaten – ist es da überhaupt überhaupt sinnvoll, in Brüssel über Vorschläge zu sprechen? Die Österreicherin Karin Kadenbach, Mitglied des Europäischen Parlaments und spezialisiert auf Gesundheitspolitik, sagt: Ja, vor allem wenn es um Problematiken wie die der Antibiotikaresistenzen gehe.

Dazu sei vor allem die Aufklärung der Patienten wichtig, sagt Bernd Zimmer von der Ärztekammer Nordrhein. “Der korrekte Umgang mit Antibiotika hat viel zu tun mit Bildung und Wissen der Menschen”, so Zimmer. Auch das Antibiotikaresistenz-Komitee des “European Health Parliament” fordert eine verstärkte Information der Bevölkerung in Europa – zum Beispiel durch eine App, die sich vor allem an User richtet, die gerade Antibiotika einnehmen oder nicht genau wissen, ob sie wegen einer Verschreibung von Antibiotika zum Arzt sollen.

Ein weiterer Vorschlag des EHP-Komitees ist es, das Thema Antibiotika verstärkt in den Schulunterricht mit aufzunehmen. “Das halte auch ich für sehr sinnvoll – sinnvoller noch als eine App”, sagt Bernd Zimmer. Denn vor allem die Möglichkeit zur Diskussion über das Thema sei wichtig, wenn es darum gehe, Verständnis zu schaffen.
Neben Faktenwissen von Patient und Arzt seien allerdings auch Fortschritte in der Forschung entscheidend, um Infektionen und Todesfälle durch multiresistente Keime in Zukunft einzudämmen, so Luisa Ossmann vom Komitee des “European Health Parliament”. Zum Beispiel durch die Weiterentwicklung von Schnelltests, mit denen festgestellt werden kann, ob es sich um eine bakterielle oder um eine virale Infektion handelt.

“Grundsätzlich halte ich die Tests für sinnvoll”, sagt Gerd Fätkenheuer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie und Oberarzt für Innere Medizin an der Uniklinik Köln. Der Erfolg der Tests hänge aber immer stark davon ab, was man teste. “Im Bereich der Tuberkulose zum Beispiel werden Schnelltests sehr erfolgreich eingesetzt, bei weiteren Atemwegserkrankungen hingegen sind nur etwa 30 Prozent der Erreger überhaupt erfasst”, so Fätkenheuer. Außerdem müsse der Arzt bei jedem Patienten individuell entscheiden, ob Antibiotika sinnvoll seien – selbst wenn die Infektion mit großer Wahrscheinlichkeit bakteriell ist. “Diese Tests können immer nur ein Teil der Lösung sein”, sagt Fätkenheuer.

Ein anderer Teil der Lösung im Bereich der Forschung könnte die Erforschung neuer Wirkstoffe sein. Das Problem: Für Pharmaunternehmen lohnt es sich finanziell bislang kaum, neue Antibiotika zu entwickeln. Deshalb fordern führende Pharmakonzerne, dass es seitens der Politik finanzielle Unterstützung der Förderung geben sollte und die Patentrechte überarbeitet werden müssen.
Ohne die Unterstützung der Politik in der EU, so scheint es, ist der Kampf gegen die resistenten Keime aussichtlos. Für die Vorschläge des “European Health Parliament” hat nun der Vorsitzende des Umweltsausschusses des EU-Parlaments seine Unterstützung zugesagt. Bernd Zimmer, Vizepräsident der Ärztekammer Nordrhein, warnt allerdings davor, Antibiotika grundsätzlich zu verteufeln: “Bei aller Vorsicht vor zu viel Antibiotika sollten wir nicht vergessen, dass diese Medikamente sinnvoll und sogar lebensrettend sind, wenn sie richtig eingesetzt werden.”

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